Was ist das Geheimnis französischer Erziehung?

18. Oktober 2016 , In: Allgemein, Tina , With: No Comments
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Wer einmal bei uns zu Hause war, hat sicherlich den Eindruck, dass mein Freund und ich ganz viel lesen. Schließlich haben wir auch einen ziemlich großen, offenen Bücherschrank, in dem viele viele Bücher stehen. Kafka, Camus, Frisch – alles mit von der Partie. Doch wer etwas genauer hinsieht, erkennt, dass die meisten Bücher schon ziemlich angestaubt sind. Was daran liegt, dass ich zwar während meines Germanistik-Studiums das ein oder andere Standardwerk gelesen habe (falls es keine Verfilmung gab), wir aber beide schon froh sind, wenn wir es schaffen, die neueste Ausgabe des Spiegels und der Cinema zu lesen. Ansonsten schauen wir ganz viele Filme und einmal jährlich versuche ich, die Bücher vom Staub und gleichzeitig mich von meinem schlechten Gewissen zu befreien.

Dennoch hat sich unser Bücherfundus in den letzten Monaten um genau zwei Bücher erweitert. „Panikherz“ von Benjamin von Stuckrad-Barre liegt seit Wochen auf dem Wohnzimmertisch und signalisiert mir, dass es völlig unsinnig ist, ein gutes Buch bei der Hälfte aufzuhören. Und dann liegt da noch ein Buch mit dem vielsagenden Titel „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“. Untertitel: „Erziehungsgeheimnisse aus Paris“. Es ist der einzige Erziehungsratgeber, den wir besitzen. Was daran liegt, dass jede Mutter, die ich einigermaßen cool finde, mir geraten hat, eben genau dieses eine Buch zu kaufen.

Normalerweise finde ich ja Klischees richtig doof. Und dieses Buch spielt genau damit. Deutsche Kinder sind Nervensägen, französische Kinder wissen sich zu benehmen. Aber irgendwie scheint zumindest letzteres zu stimmen. Was sich am Wochenende erst wieder bewahrheitet hat.

Hierzu muss ich aber kurz ausholen und beschreiben, wie ein normaler Café-Besuch mit unserer Tochter Liv – aktuell 14 Monate – aussieht: Mama und Papa setzen sich, Liv kommt in den Kinderstuhl oder bleibt im Buggy sitzen. Hierbei muss eine Armlänge Abstand zwischen Kind und Tisch eingehalten werden, da sonst ALLES, was auf dem Tisch steht, erst in die Hand genommen, dann begutachtet und schließlich auf den Boden geworfen wird. Also Besteck, Salzstreuer und die Vase mit den gepflückten Blümchen drin. Sobald dann der Smoothie, Kaffee und Kuchen serviert wird, will Liv probieren. Was schmeckt, bleibt im Mund, was nicht schmeckt, wird einfach ausgespuckt. Was mittelmäßig schmeckt, wird mit dem Hund geteilt. Während wir dann die Reste wegessen, braucht Liv schon wieder Entertainment. Zuerst ihr Buch mit den Bauernhoftieren, dann mein Brillenetui und im absoluten Notfall – falls die Nachbarn neben uns schon dezent genervt schauen – gibt’s dann Papas Smartphone mit der „Die Kuh macht Muh“-App.

Dieser Café-Besuch dauert nie länger als 30 Minuten, Hund und Kind sind weiterhin beste Freunde und wir halten fest, dass die Schrei-Intensität eines Kleinkindes durchaus mit einem Presslufthammer mithalten kann.

Und dann kam das besagte letzte Wochenende. Liv war bei den Großeltern untergebracht, damit wir mal wieder lange ausschlafen und auch lange Café-Besuche machen können. Und so sitzen wir also wieder einmal in einem unserer Lieblings-Cafés in der Hohenzollernstraße, mein Freund hat sich eben einen Rote-Beete-Karotten-Sellerie-Smoothie bestellt, als neben uns zwei Frauen mit zwei Kindern Platz nehmen. Das erste Kind, 4 oder 5 Jahre, setzt sich artig auf einen Stuhl, bekommt ein Malheft und diverse Stifte hingelegt und fängt an zu malen. Das zweite Kind ist in etwa so alt wie Liv. Die Mutter nimmt es aus den Buggy, setzt es auf ihren Schoß und…NICHTS! Rein gar nichts passiert. Keine Servietten, die auf dem Boden landen, kein lautes Jammern, wo das Buch bleibt. Einfach nur Ruhe. Und dann fangen die beiden Frauen an zu sprechen. Auf Französisch.

Mein Freund und ich blicken uns an. Sekunden vergehen, bis er dann ganz leise sagt: „Heute Abend. Heute Abend fange ich an, dieses Buch zu lesen“. Er muss noch nicht einmal den Titel erwähnen. Ich nicke nur, in mir hat sich eine Mischung aus Ehrfurcht, Neid und Unverständnis breit gemacht.

Wir trinken unseren Smoothie, essen ein Stück Bratapfelkuchen und warten darauf, dass IRGENDWAS passiert. Einmal schreit das kleine Kind kurz auf, mein Freund und ich nicken uns bereits siegessicher zu, aber nach zehn Sekunden ist alles wieder ruhig.

Die Mutter lächelt zufrieden, das ältere Kind hat inzwischen sämtliche Tierarten auf einem Blatt verewigt und das Kind in Livs Alter hat mittlerweile zusammengebundene Karten bekommen, auf denen französische Tiernamen stehen. Die übrigens nicht so aussehen, als wären sie schon einige Male im Kaffee oder Kuchen gelandet.

Man könnte jetzt natürlich argumentieren, dass unsere Kinder einfach völlig unterschiedliche Charaktere sind. Liv ist halt eine kleine wundervolle Krawallschwester, während das Kind der Französin ein sehr ausgeglichenes Wesen hat. Aber selbst das ältere Kind scheint eben keine Nervensäge zu sein, während wir uns schon glücklich schätzen können, dass die Kids von einem befreundeten Pärchen uns nicht als menschliche Dartscheibe benutzen.

Offen gesagt haben wir uns bereits mehrfach gewundert, ob in den französischen Vitamin D-Tabletten ein Beruhigungsmittel integriert ist. Als wir vor einigen Monaten ein Wochenende in Venedig verbracht haben und abends Essen waren, saßen zwei französische Gruppen neben uns: Ein Tisch mit nur Erwachsenen, die sich eifrig unterhielten, Wein tranken und sehr entspannt aussahen, und direkt daneben ein Kindertisch. Ohne umgefallene Gläser, kein Streit ums Essen und als es kurz mal etwas lauter wurde warf die Mutter kurz einen netten Blick zum Nebentisch und alles war wieder gut. Auch damals saßen wir schon mit großem Erstaunen daneben und haben uns gefragt, was Franzosen denn so viel anders als Deutsche machen.

Seit vergangenem Wochenende liegt auf unserem Nachtkästchen nun ein rot-weiß-kariertes Buch, auf dem mit schnörkeliger Schrift „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“ steht. Welches definitiv nicht verstauben, sondern uns hoffentlich bald die Antwort liefern wird, wie auch mit Liv ein zivilisierter Café-Besuch möglich ist. Irgendwann…:)

 

Titelbild: Sofi Photo/shutterstock.com.

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Tina und Meike

Als Mütter wissen wir: Den geraden Weg gibt es nicht! Getreu unserem Motto „Wenn´s durch den Haupteingang nicht geht, dann nehmen wir eben die Seitentür“ suchen wir nach (technischen) Gadgets und anderen erzieherischen Überlebenshilfen und nehmen Euch ganz nebenbei mit auf eine humorvolle Reise durch unser Seelenleben. Erziehungsvorsprung durch (Überlebens-)Technik? Lasst es uns herausfinden!