Mal ehrlich, welcher Mutter geht es nicht so. Da wollen wir unbedingt Kinder, und wenn der Nachwuchs dann endlich da ist, sind wir teilweise so gestresst, dass wir uns dabei ertappen, an die „alten“ Zeiten zu denken. Also an die Zeit, in der noch alles so ungezwungen war, die einzige Verantwortung darin bestand, der Zimmerpflanze alle paar Tage Wasser zu geben und Schlaf eh völlig überbewertet war. Doch mit Kids ist einfach alles anders: Wir versuchen, die beste aller Mamas zu sein, gleichzeitig muss natürlich die Karriere gepuscht und sie sozialen Kontakte aufrechterhalten werden und irgendwie will man ja auch noch als Freundin oder Frau attraktiv sein. Und dann sieht man noch die Übermamas in den ganzen Klatschzeitschriften und fühlt sich – ich sag es jetzt mal so wie es ist – einfach scheisse. Da bringt es auch nichts zu hören, dass „Julia sogar drei Kinder hat und der Mann so gut wie nie zu Hause ist“ oder dass „man ja unbedingt Kinder wollte und doch froh sein soll, dass die gesund sind“. Nein. Manchmal bringen selbst Vergleiche mit der dritten Welt nichts, um sich besser zu fühlen. Manchmal wird einem Kind, Karriere und Chaos einfach zu viel. Und genau für Mütter in solchen Situationen (und alle anderen auch) hat Stephanie Schönberger ein Buch geschrieben. „Das Karma, meine Familie und ich“ handelt von einem grandios gescheiterten Versuch, Job, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen und erklärt aus der Sicht der Yogis, warum wir unsere Kinder anschreien, mit anderen Menschen (besonders dem Partner) streiten und bis zum Umfallen arbeiten. Gleichzeitig bietet es Lösungsansätze, wie mit Hilfe der Yoga-Philosophie der Alltag wieder entspannter werden kann.

Stephanie Schönberger

Ein super spannendes Thema und hilfreiches Buch, und deshalb gehen unsere TOP10 Fragen heute an Stephanie:)

1. Du hast früher erfolgreich als Journalistin gearbeitet und bist dann Yogalehrerin geworden. Wie kam es dazu?

Ungeplant und unerwartet. Hätte mir jemand vor elf Jahren vor meiner ersten Yoga-Stunde in der Hebammenpraxis im Münchner Lehel prophezeit, dass ich einmal hauptberuflich als Yoga-Lehrerin arbeiten werde, ich hätte ihn ausgelacht und mindestens für verrückt erklärt. Denn bis dahin fand ich Yoga eher überbewertet, einen Trend, dem ich nicht zutraute, das er halten kann, was er verspricht, nämlich Ruhe und Gelassenheit. Doch beides war mir mit Beginn meiner ersten Schwangerschaft in meiner Redaktion abhanden gekommen. Ich hatte Zukunftsängste, denn Mütter, sofern sie nicht Vollzeit arbeiteten, waren damals noch nicht wirklich erwünscht, zumindest empfand ich das so. Nach meiner ersten Yoga-Stunde war ich zutiefst glücklich, und zwar auf eine Weise, die ich bisher nicht gekannt hatte. Und daran erinnerte ich mich, als ich nach der Geburt meiner Tochter gelangweilt und teilweise auch frustriert in meinem Dorf im Allgäu saß, in dem ich inzwischen mit Mann und Kind lebte. Ich suchte mir einen Yoga-Kurs, landete in einer Gruppe, die auf Schafsfellmatten übte und bei einem Lehrer, der in seinen Stunden mehr Philosophie als Asanas vermittelte. Und das war genau mein Ding. Ich war komplett geflasht und Yoga infiziert. Nach zwei Jahren fing ich in München mit einer vierjährigen Ausbildung zur Yoga-Lehrerin an und eröffnete während dieser Zeit auch mein kleines Yoga-Studio im Allgäu. Aber es hat dann noch eine ganze Weile gedauert bis ich den Mut hatte, meinem Herz zu folgen, den Journalismus mehr oder weniger an den Nagel zu hängen und hauptberuflich Yoga zu unterrichten.

2. Jetzt hast Du ein Buch geschrieben: „Das Karma, meine Familie und ich. Yoga-Philosophie für einen entspannten Alltag“. Der Titel verrät ja schon recht viel, aber um was genau geht es in dem Buch?

Es erzählt, wie uns die Ideen dieser uralten Philosophie helfen können, uns und das Verhalten unsere Mitmenschen besser zu verstehen, um darüber geduldiger, milder und freundlicher mit uns und mit anderen im täglichen „Wahnsinn“ umzugehen. Damit das alles nicht so trocken theoretisch rüber kommt, erkläre ich die Philosophie anhand meines eigenen Familienalltags und dem anderer Familien. Und der kann, bei allem Stress, durchaus auch lustig, unterhaltsam und amüsant sein. Zumindest von außen betrachtet. Es ist aber kein Familien-Ratgeber im herkömmlichen Sinn, denn dazu fehlt mir die fachliche Qualifikation. Außerdem finde ich es schwierig, mir unbekannten Eltern zu sagen, wie sie ihr Kind erziehen sollen. Ich stecke ja gar nicht in der Familiendynamik. Aus Sicht der Yogis kann ich nur empfehlen, den Frieden, den wir uns im Außen oder für unsere Familien wünschen, zuallererst in uns selbst zu finden und zu kultivieren. Denn nur wenn wir innerlich wirklich gelassen und friedlich sind, können wir andere in Ruhe lassen. Was das Leben ungemein entspannen kann. Yoga kann uns die dafür notwendigen Methoden liefern. Und die nenne ich in meinem Buch – das übrigens völlig frei von Asanas ist.

3. Was genau hat Dich dazu veranlasst, dieses Buch zu schreiben?

Ganz ehrlich? Es war meine Agentin, die wunderbare, fantastische Christine Proske von Ariadne Buch in München, die mit der Idee zu mir kam. Ursprünglich fragte sie, ob ich ein Buch über Kinder, Buddhismus und Erziehung schreiben möchte. Was ich nicht mochte, weil ich keine Buddhistin bin. Ich schlug ihr Yoga als Alternative vor, sie war einverstanden und der Beltz-Verlag hat sich dann erfreulicherweise auf die Idee eingelassen.

4. Viele Frauen versuchen ja, Job, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen. Warum läuft das meistens schief?

Ich glaube, weil das einfach alles viel zu viel für eine Person ist, denn Familie alleine ist ja schon ein Fulltime-Job. Kinder, Haushalt, das ist richtig viel Arbeit. Unbezahlter meistens noch dazu. Es wird aber nicht als Arbeit anerkannt, sondern als Selbstverständlichkeit sehr oft vorausgesetzt. Was dazu führt, dass der sogenannte finanzielle „Energieausgleich“ nicht stimmt und das zehrt, zumindest ist es bei mir so. Erschwerend kommt dazu, dass man als Multitaskerin eigentlich keiner Sache die volle Aufmerksamkeit schenken kann und sehr oft das Gefühl hat, allem hinterher zu rennen, sich zu verzetteln, nichts wirklich gut zu machen, außer Atem zu geraten. Die Yogis bezeichneten dieses Gehetztsein übrigens schon vor fast 2000 Jahren als einen großen Energieräuber und empfehlen dringend, etwas dagegen zu tun, wenn wir einen körperlichen und mentalen Zusammenbruch, heute Burnout genannt, vermeiden wollen. Darum wäre es sinnvoll, zu delegieren und sich von der Idee zu verabschieden, alles alleine machen zu müssen. Ich stand selbst kurz vor dem familiären und vermutlich auch körperlichen Kollaps und habe zum Glück noch rechtzeitig die Reißleine ziehen können. Aber dazu war ein Hilferuf meiner Tochter notwendig, sonst hätte ich nicht mal mehr bemerkt, wie nahe unsere Familie vor ihrem Ende stand.

5. Ein Teil Deines Buches dreht sich auch um das Thema, dass wir Frauen immer perfekt sein wollen. Müssen wir das denn oder setzen wir uns damit nur noch mehr unter Druck?

Was ist schon perfekt und wer hat das Recht oder die Autorität uns vorzuschreiben, was perfekt ist? Das sind doch meistens Vorstellungen oder Ideale, die unter anderem von einer Industrie, Wirtschaft, von Medien und Vorgesetzten, in die Welt gesetzt werden, die von Optimierungswünschen leben. Und von einer Gesellschaft ohne zu hinterfragen größtenteils widerstandslos akzeptiert wird. Was dazu führt, dass wir glauben, nicht gut, schön, erfolgreich, sexy, jung, smart, wohlhabend genug zu sein. Dahinter steckt leider sehr oft ein mangelndes Selbstwertgefühl und fehlendes Selbstbewusstsein. Und solange wir das nicht haben, werden wir uns unter Druck setzen und beim Perfektionswettstreit mitmachen. Ich finde die Aussage von Mark Whitwell, einem Yoga-Lehrer aus Neuseeland, sehr schön. Er sagt: „Wir sind alle schon perfekt.“ Jeglicher Optimierungsversuch sei letztlich eine Beleidigung der jedem Leben innewohnenden Intelligenz. Wir sollten lernen, uns so anzunehmen wie wir sind, unser Karma zu akzeptieren, unsere Stärken zu sehen statt uns wegen vermeintlicher Schwächen unglücklich zu machen. Die Yogis sagen, alles, was ist, hat einen Sinn. Auch wenn wir das nicht immer gleich erkennen.

6. In einem weiteren Teil geht es darum, dass wir Frauen erst unbedingt Kinder wollen, und uns dann manchmal so gestresst fühlen, dass wir uns fragen, warum wir uns das alles überhaupt antun. Offen gesagt ergeht es mir auch manchmal so – aber warum ticken wir Frauen so?

Bei mir war es so, dass ich mir das Leben mit Kind oder Kindern ganz anders vorgestellt habe. Ich war, ganz im Ernst, überzeugt, dass das Leben so rosarot wie in den einschlägigen Zeitschriften. Dass ich einen Tag nach der Geburt wieder in die Redaktion gehen würde, notfalls mit dem Kind unterm Arm, so wie die Kolleginnen halt ihren Hund mit ins Büro genommen hatten. Ich war sicher, dass mein altes Leben, mit vielen Partys, Konzertbesuchen, Selbstbestimmung und finanzieller Unabhängigkeit und Sorglosigkeit, so weitergeht wie bisher. Die Ernüchterung war dann sehr groß. Denn eigentlich ging von all dem, was vorher selbstverständlich war in meinem Leben, jetzt plötzlich nichts mehr. Ich glaube, es ist der Verlust der Selbstbestimmung, für die wir Frauen ja wirklich lange gekämpft haben, der uns daran zweifeln lässt, ob das mit dem Kinderkriegen wirklich eine so fabelhafte Idee war. Aber ganz ehrlich, würden wir unsere Kinder wirklich eintauschen wollen? Ich würde mich jederzeit wieder für Kinder entscheiden, denn am Ende des Tages, wenn ich sie in ihren Betten schlafen sehe, sind sie für mich der größte Gewinn und das größte Glück – nicht nur, weil sie jetzt endlich schlafen und Ruhe geben…

7. Gibt es ultimative Tipps, wie wir Mamis entspannter werden können?

Es lohnt sich immer hinzuschauen, was unser Leben eigentlich so verspannt werden lässt. Das sind nämlich nicht die Kinder, der Partner, der Job oder die Erwartungshaltung anderer Menschen, sondern das ist ganz alleine unsere Sichtweise auf die Welt und unser Leben, unsere eigene Erwartungshaltung, unsere Prägungen, Muster, Denkweisen und Konditionierungen, deren wir uns zunächst meist nicht mal bewusst sind. Es lohnt sich zu hinterfragen, ob das, was man „schon immer so macht“, auch für unser eigenes Leben noch stimmig ist – und wenn nicht, dann sollten wir beginnen, etwas dagegen zu tun. Weil das oft leichter gesagt als getan ist, raten die Yogis, sich Hilfe zu holen. Das kann eine Haushalts- aber auch eine therapeutische Hilfe sein. Uns hat zum Beispiel eine Paarberatung geholfen, das Chaos zu entwirren. Und in akuten Krisensituationen, die bei uns sehr gerne morgens entstehen, wenn alle pünktlich aus dem Haus müssen, es aber nicht auf die Reihe kriegen, dann ist mein Mittel der Wahl, erst einmal tief aus- und dann wieder einzuatmen. Meistens mehrmals hintereinander. Das entspannt sehr schnell und lässt wieder klarer denken. Gut ist auch, sich bewusst zu machen, dass jedes lebende Wesen sich eigentlich nur wohl fühlen möchte und dabei leider regelmäßig zu den falschen Mitteln greift. Das macht mich auch immer gleich wieder milder. Genauso wie das Wissen, dass nichts von Dauer ist, auch nicht das größte Chaos. Gut für ein entspanntes Mama-Dasein ist auch, nicht alles zu persönlich, sich dafür aber ernst zu nehmen, den Humor nicht zu verlieren, den Kindern zu vertrauen und ihnen auch einiges zuzutrauen und sie ihr Leben leben lassen, statt ihnen unsere nichtgelebten Träume aufzudrücken.

8. Sollte man Yoga machen, um Dein Buch zu verstehen oder ist es auch für Nicht-Yogis geeignet?

Ich glaube und hoffe, dass es auch für Nicht-Yogis geeignet ist. Ich beschreibe ja alltägliche, vielen bekannte Konfliktsituationen, wie die bereits erwähnte morgendliche Aufbruch-Stimmung und erkläre dann, was die alten Yogis dazu gesagt und als Gegenmaßnahme vorgeschlagen hätten. Das ist alles keine esoterische Spinnerei, denn das Yoga Sutra, eine der großen Grundlagenschriften des Yoga auf das ich mich beziehe, gilt auch als eine der ältesten Psychoanalysen. Die Ideen, die da vorkommen, kennen viele von uns aus dem Coaching – oder von Kalendersprüchen.

9. Wer sollte Dein Buch lesen? Für welche Arten von Müttern ist es geeignet?

Ich denke, für jede Mutter, der ihr Leben mit Kindern, Beziehung und Beruf manchmal über den Kopf wächst, die das Gefühl hat, sie kann nicht mehr, die keine Angst vor der Selbstreflexion hat, offen ist für andere Sichtweisen und ihren Kinder gerne den Rahmen und Raum geben möchte, in dem diese ihr Potential und ihre Fähigkeiten in ihrem eigenen Tempo entfalten und entwickeln dürfen. Die nicht wie ein Helikopter um ihre Kinder kreist, undogmatisch ist und Pippi Langstrumpf lieber mochte als Tommy und Anika. Die es wie der große bayerische Komiker Karl Valentin hält, der sagte: „Wir müssen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“ Und darum versucht, ein friedliches, mitfühlendes, gewaltfreies Leben vorzuleben.

10. Erst Journalistin, dann Yoga-Lehrerin und jetzt noch Schriftstellerin. Wie geht´s weiter?:)

Das frage ich mich auch immer wieder. Gerade arbeite ich an einem Blog, der „Kiss your Karma“ heißen, aber kein weiterer Mama-Blog wird, dafür gibt es schon so viele tolle. Ich habe auch eine Idee für ein neues Buch im Kopf, die allerdings noch ausformuliert werden muss. Im Januar zieht mein Yoga-Studio in neue Räume um – und dann sind da natürlich und ganz besonders meine zwei wunderbaren Kinder. Meine Tochter kommt langsam in die Pubertät, mein Sohn in die erste Klasse. Ich weiß noch nicht, was anstrengender und fordernder wird. Vielleicht wird auch alles ganz einfach. Auf alle Fälle möchte ich die Zeit und Ruhe haben, für sie da zu sein, wenn sie mich brauchen sollten. Und ein Haus am Meer hätte übrigens ich auch gerne.

Vielen Dank liebe Stephanie für die TOP10 und weiterhin viel Erfolg bei allen neuen Projekten!

Weitere Infos bekommt Ihr hier.

 

Titelbild: altanaka/shutterstock.com.